Prior Velho

Dienstag, August 20, 2019

Das Geräusch eines vorbeifliegenden Flugzeugs weckt mich wieder auf. Wir sind scheinbar deutlich näher am Flughafen, als ich ursprünglich vermutet habe. Ich habe völlig übersehen, dass das Fenster einen Spalt offen ist. Durch die verdreckten Scheiben sieht man eine Hand voll Bäume, denen nur wenig Platz gelassen wurde, um sich durch den gepflasterten Boden zu räkeln und den Autos auf dem Parkplatz Schatten zu spenden. Als ich das Rollo entdecke freue ich mich ein bisschen. Zuhause hatte ich das Rollo so gut wie nie oben, hier wird es vermutlich ähnlich ablaufen. Da ich im Erdgeschoss bin, habe ich zudem ein Schiebegitter am Fenster. Es wirkt jedoch eher so, als sollte mich das Gitter drinnen halten, statt Fremde draußen.

Unter dem Fenster steht ein wackeliger kleiner Schreibtisch. Weiß lackierte Presspappe mit 4 Beinen. Wer immer den Schreibtisch hier aufgestellt hat, wusste auch nicht, dass man die Beine justieren kann, um dem Kippeln entgegenzuwirken. Laptop aufgestellt, wie schaut es hier mit Internet aus.

Der Router steht einsam in einer Ecke im Flur und blinkt fleissig vor sich hin. Ein Blick auf die Unterseite verrät mir die Zugansdaten. Fix im Handy eingegeben:
– Verbindung wird hergestellt…
– IP-Adresse wird abgerufen…
– Verbunden (kein Internet!)

Ein guter Start. Direkt vom Router gefriendzoned. Aber wir kennen das Spiel, Hardware wird in Portugal das gleiche sein wie in Deutschland. Verkabelung geprüft, alle Stecker einmal gezogen und neu verbunden, das Gerät mal 5 Minuten vom Strom genommen…. aber nichts da. In Gedanken rechne ich mein verbrauchtes Datenvolumen mit den restlichen Tagen diesen Monat hoch und stelle mich schonmal seelisch und moralisch darauf ein, dass ich nur noch bis Dienstag Internet habe.

Naja, dann schauen wir uns erstmal den Rest der Wohnung genauer an. Im Wohnzimmer gibt es nicht viel zu sehen. Ein kleiner Tisch mit einem 32 Zoll Flatscreen, ein kleines Sofa samt IKEA Couchtisch. Und neben dem Kamin – weiß der Teufel wozu man bei den Temperaturen hier sowas braucht – ein kleiner Tisch mit 3 Stühlen. Die Badezimmer – 2 Bäder für 3 Personen ist ja schon fast Luxus – sind nicht groß, aber groß genug. Eins ist mit Dusche, eins mit Badewanne und beide mit Toilette und Waschbecken ausgestattet.
Die Küche ist modern mit Induktionskochfeld, separatem Ofen in Arbeitshöhe, und sehr viel Stauraum. Die Hälfte der Schränke ist leer. Die Schubfächer und Schrankabteile, in denen etwas steht, sind nichtmal annähernd halb gefüllt. Es wirkt nicht, als würde hier tatsächlich jemand „leben“.

Ich brauche einen Kaffe, und was zu essen. Ich habe seit dem Abendbrot bei meinem Cousin nichts mehr gegessen. Also erstmal raus auf die Straße und nen Café oder Imbiss gesucht. Es ist warm. Und es ist hell. Die Straße entlang sehe ich viele große Wohnkomplexe. Alle in Gelb, hellem Orange und Weiß gestrichen. Durch die Häuserschluchten pfeift der Wind. Die Hitze ist so sogar ganz gut auszuhalten. im direkten Umkreis stehen vorwiegend neubauten. keines der Häuser scheint älter als 5 Jahre zu sein. Ein Stück weiter die Straße runter jedoch sehe ich auch ein paar ältere Finkas, die mich schon eher an die Häuser erinnern, die man von Bildern aus dem Süden Europas kennt. Allgemein scheint hier in Prior Velho die Modernisierung ganz oben auf der Agenda zu stehen. Einige Häuser werden aktuell renoviert. Teilweise wird neu gebaut, doch dazuwischen stehen immer wieder heruntergekommene alte Gebäude, die teilweise mehr Bretterbude als Haus zu sein scheinen. Doch keine Zeit für Sight-Seeing, der Magen knurrt.

Ein Café ist leider nicht auszumachen, jedoch finde ich einen kleinen Supermercado – Minipreço. Erinnert ein bisschen an einen kleinen Nahkauf auf dem Dorf. Erstmal das wichtigste: Was zu trinken und was zu essen.
Die Brotauswahl ist hier eher bescheiden, auch Käse und Wurst gibt es kaum auswahl in dem kleinen Laden. Dafür ist das Angebot an Süßwaren und Knabberkram über jeden Zweifel erhaben. Kaffe – der Lösliche muss es erstmal tun – Zucker und Milch… Leite heisst Milch auf portugiesisch, aber welche ist nun welche? Ich bin es aus Deutschland gewohnt, dass da eine Zahl vorne drauf steht. 1,5% oder 3,5% – aber nichts dergleichen. Hier gibt es Leite Meio Gordo, und Leite Gordo – und noch gefühlt 12 andere Sorten. Ich entscheide mich spontan für Meio Gordo – was am Ende auf 1,5% Fettgehalt bedeutete. Gordo bedeutet also Fett. Meio Gordo wohl „ein bisschen Fett“. Wieder was gelernt.

Neben Kaffee kaufe ich noch Brot, Mortadella (die irgendwie eine ganz andere Farbe hat als in Deutschland), Käse, Bohnen, Zwiebeln und einen Brie. Damit sollte ich erstmal klarkommen. Außerdem einen 6L Kanister mit Wasser – das Leitungswasser hier ist extrem mit Chlor versetzt. Es riecht wie im Schwimmbad, wenn man den Hahn aufdreht. Einkaufen funktioniert, ich hoffe an dieser Stelle nur, dass es in der nähe auch größere Supermärkte gibt, die eine etwas bessere Auswahl haben. Auf dem Rückweg komme ich an einem noch kleineren Supermarkt vorbei. Der ist näher an meiner Wohnung, hat aber eher Kiosk-Charakter, scheint aber teilweise sogar billiger zu sein.

Wieder „zuhause“ – so fühlte es sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht an – koche ich erstmal einen Kaffee und esse ein Brot. Die Wohnung ist immernoch ruhig. Die anderen Bewohner sind noch nicht wieder da. Ein bischen neugierig bin ich ja schon, mit wem ich nun zusammenwohne. Eines der anderen Zimmer ist abgeschlossen. Das hatte die Dame vom Welcome-Team bereits festgestellt. Das Andere Zimmer stand einen spalt offen. Also einen Blick rein riskieren. Durch den Spalt sah man das zerwühlte Bett. Auf dem Schreibtisch ein Bild, dass ich aber nicht erkennen konnte. Auf der Kommode direkt neben der Tür lagen Schminksachen. Also eine Frau. Mehr kann ich durch den Spalt nicht erkennen. Zudem fühle ich mich ein bisschen Creepy, wenn ich jetzt noch weiter durch den Türschlitz spanne.

Also doch noch ein wenig das Viertel auskundschaften. Ich gehe durch die umliegenden Straßen, hier gibt es in den Häusern überall kleine Geschäfte. Ich sehe einen Frisör, ein Tierbedarfsgeschäft, eine kleine Bäckerei und verschiedene andere kleine Läden, bei denen aber nicht eindeutig ist, was diese machen, und ob diese überhaupt geöffnet haben. Nach ca. 5 Minuten sehe ich am Horizont das erste mal das Wasser. Der Tejo, der Fluss der vom Inland hier bei Lissabon in eine Art großen See fließt, der dann ins Meer mündet. Wäre hier nicht die Autobahn, diese vielen Hochhäuser und Werbereklamen, wäre das fast schon ein schönes Panorama. „Ich bin müde und Kaputt, das muss für den ersten Tag reichen.“ denke ich mir, und mach mich auf den Weg zurück. Die Würstchen – die ohne Haut, aber sehr würzig daherkommen – angebraten, die Bohnen und Zwiebeln dazu. Kein 5-Sterne Gericht, aber Narhhaft. Während ich esse höre ich einen Schlüssel am Schloss kratzen.

Ich sitze gerade an meinem Laptop und schaue einen Film beim essen, da huscht eine junge Frau an meiner offenen Zimmertür vorbei, tief in ihr Telefonat vertieft zuckt Sie bei meinem „Hello“ sichtlich zusammen, winkt kurz und verschwindet in Ihrem Zimmer. Später treffe ich Sie in der Küche. Nach einer kurzen Vorstellung halten wir einen Plausch in der Küche.
Sie ist schlank,etwa 1.75cm groß. hat blonde kurzgeschnittene und macht einen sehr quirligen Eindruck. Sie ist Dänin, 18 Jahre alt, und hat gerade ihren Highschool Abschluss gemacht. Seit 3 Wochen ist Sie in Portugal, das erste mal fort vom wohlbehütetem Zuhause. Bisher hat Sie sich hier recht alleine gefühlt, da die andere Mitbewohnerin – scheinbar eine Deutsche – fast nur Nachts arbeitet und nur selten zuhause ist – und dann meist schläft.

Es ist Zeit fürs Bett, die Müdigkeit ist so stark, dass ich trotz kreisender Gedanken binnen Minuten einschlafe.

Das Viertel Prior Velho liegt sehr dicht am Flughafen. Man hört hier eigentlich alle 10 Minuten einen Flugzeugstart. Wenn man durch das Küchenfenster hinausschaut muss man nicht weit nach oben schauen, um die startenden Flieger im Steigflug zu sehen. Die Häuser hier sind alle nicht alt, das Wohngebiet ist wohl noch nicht lange ein Solches. Es stehen nur vereinzelt ältere Häuser. Meine quirlige Mitbewohnerin meinte, Sie sei aktuell mehr in der Stadt unterwegs, da auch das Internet aktuell seit ca. 5 Tagen nicht funktioniere. Ich werde morgen wohl auch erstmal die Stadt erkunden…

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